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Théophile Gautier Jettatura
Kapitel 1
Das prächtige toskanische Dampfschiff Léopold,
das zwischen Marseille und Neapel verkehrt,
bog gerade um die Spitze von Procida. Alle Passagiere
waren an Deck und von der Seekrankheit
genesen durch den Blick aufs Festland, der
heilsamer ist als Malteserpastillen und jedes andere
Mittel, das in solchen Fällen Anwendung
findet.
Auf dem Oberdeck, in dem Abschnitt, der
für die erste Klasse reserviert war, standen Engländer,
die versuchten, sich möglichst voneinander
abzugrenzen und eine unüberwindbare Linie
um sich zu ziehen; ihre blasierten Gesichter waren
sorgfältig rasiert, ihre Krawatten einwandfrei
gebunden, ihre gesteiften weißen Hemdkragen
glichen Ecken aus Bristolkarton, ihre Hände
steckten in neuen Handschuhen aus Dänischleder,
und auf den neuen Schuhen glänzte Lord
Elliots Schuhfirnis. Sie sahen aus, als wären sie
einem Fach ihres Necessaires entsprungen. Ihre
tadellose Kleidung zeigte keinen der Makel, die
sich auf einer Reise für gewöhnlich einstellen.
Unter ihnen waren Lords, Abgeordnete des Unterhauses,
Kaufleute aus der City of London,
Schneider aus der Regent’s Street, Messerfabri8
kanten aus Sheffield, alle sehr schicklich, ernst,
reglos und gelangweilt. Auch Frauen fehlten
nicht, denn Engländerinnen sind nicht so häuslich
wie die Damen anderer Länder, sie finden
immer irgendeinen Vorwand, um ihre Insel zu
verlassen. Neben Ladies und Mistresses, verblühenden
Schönheiten, deren Haut von Couperose
gezeichnet war, strahlten unter hauchdünnen
blauen Schleiern junge Misses mit dem Teint
von Sahne und Erdbeeren, blond schimmernden
Korkenzieherlocken und großen, weißen Zähnen;
sie erinnerten an den Frauentyp, für den
keepsakes eine Vorliebe hatten, und nahmen die
Stiche von der anderen Kanalseite gegen den
häufig erhobenen Vorwurf der Lüge in Schutz.
Diese reizenden Geschöpfe modulierten jede für
sich mit dem entzückendsten britischen Akzent
die feierliche Floskel: »Vedi Napoli e poi mori«
(Neapel sehen und dann sterben), warfen einen
Blick in ihren Reiseführer oder schrieben ihre
Eindrücke in ein Tagebuch, ohne im geringsten
das donjuaneske Augenzwinkern einiger Pariser
Gecken zu beachten, die um sie schlichen, während
die gereizten Mütter mit leiser Stimme
gegen diese französische Ungebührlichkeit wetterten.
An der Grenze zum abgeteilten Bereich der
Aristokratie schlenderten drei oder vier Zigarre
rauchende junge Männer auf und ab, die an ihren
Stroh- oder Filzhüten, an ihren kurzen, mit
Hornknöpfen besetzten Paletots und an ihren
weiten Drillichhosen unschwer als Künstler zu
erkennen waren, ein Befund, den im übrigen ihre
Van Dyckschen Schnurrbärte, ihre Rubens-Lokken
oder ihre an die Figuren Paolo Veroneses erinnernden
Bürstenschnitte bestätigten. Mit einem
ganz anderen Ziel als die Dandys versuchten sie,
von den Schönheiten, die sie aus Mangel an
Reichtümern nicht aus nächster Nähe betrachten
konnten, einige Ansichten im Profil zu erhaschen,
und diese Beschäftigung lenkte sie ein wenig
von dem herrlichen Panorama ab, das sich
vor ihren Augen entfaltete.
Im Bug des Schiffes lehnten die Armen aus
der dritten Klasse in Scharen an der Reling oder
hockten auf zusammengerolltem Tauwerk, verzehrten
die Vorräte, die sie wegen der Übelkeit
bisher nicht angetastet hatten, und würdigten
das herrlichste Schauspiel der Welt keines Blikkes,
denn das Naturgefühl ist das Privileg der
Gebildeten, die nicht vollständig von den materiellen
Zwängen des Lebens in Anspruch genommen
sind.
Das Wetter war schön; die blauen Wellen
rollten so sanft an ihnen vorüber, daß sie kaum
noch die Kraft hatten, das Kielwasser des Schiffs
zu glätten; der Rauch aus dem Schornstein, der
die einzigen Wolken an diesem strahlenden
Himmel bildete, löste sich langsam in leichten
Watteflocken auf, und die Radschaufeln wirbelten
eine Gischt auf, die wie ein Diamant funkelte
und in der Sonne in allen Regenbogenfarben glitzerte,
während sie das Wasser mit solch fröhlichem
Eifer umwälzten, als wüßten sie um die
Nähe des Hafens.
Die lange Hügelkette, die von Posillipo bis
zum Vesuv den wunderbaren Golf umschließt,
in dem sich Neapel wie eine Meernymphe räkelt,
die nach dem Bad zum Trocknen ans Ufer
gekommen ist, zeigte allmählich ihre violetten
Wogen und zeichnete sich schärfer gegen das
strahlende Azur des Himmels ab; einige weiße
Punkte, die vom dunkleren Hintergrund des Festlands
abstachen, verrieten bereits die ersten verstreut
liegenden Landhäuser. Die Segel der in
den Hafen heimkehrenden Fischerboote glitten
über das einheitliche Blau wie Schwanenfedern,
die von einer Brise fortgetragen werden, und
zeugten in der erhabenen Einsamkeit des Meeres
von menschlichem Treiben.
Nach einigen Umdrehungen des Schaufelrads
traten auf dem Gipfel des Berges, an den
sich Neapel schmiegt, über den Kirchenkuppeln,
Hotelterrassen, Hausdächern, Palastfassaden und
grünen Gärten, die im hellen Dunst allmählich
Gestalt annahmen, die Umrisse von Castell
Sant’Elmo und des Klosters San Martino deutlich
hervor. – Bald schien das Castell dell’Ovo, das auf
seiner von der Gischt ausgewaschenen Felsenklippe
kauerte, sich dem Dampfer zu nähern, und
die Mole mit dem Leuchtturm streckte sich ihm
entgegen wie ein Arm mit einer Fackel in der
Hand.
Nun tauschte der näher rückende Vesuv am
Ende der Bucht seine bläuliche Färbung, die er in
der Entfernung gehabt hatte, gegen kräftigere,
festere Töne ein; seine Hänge waren von kleinen
Einschnitten und erkalteten Lavaströmen durchfurcht,
und aus seinem stumpfen Kegel stiegen
wie aus den Löchern eines Räuchergefäßes deutlich
sichtbar kleine weiße Rauchschwaden auf,
die ein Windhauch verwehte.
Die Straße von Chiatamone, der Pizzo Falcone,
der ganz von Hotels gesäumte Kai von
Santa Lucia, der Palazzo Reale mit seinen Balkonreihen,
die Türme des Palazzo Nuovo mit ihren
maurischen Zinnen, das Arsenal und die
Schiffe aller Herren Länder, deren Masten und
Spieren kreuz und quer standen wie die Bäume
eines Waldes, der sein Laub abgeworfen hat, waren
bereits deutlich erkennbar, als ein Passagier
aus seiner Kabine trat, der sich während der ganzen
Überfahrt nicht hatte blicken lassen, sei es,
weil ihn die Seekrankheit in seiner Koje festgehalten
hatte, weil er sich aus Menschenscheu
nicht zu den anderen Passagieren gesellen wollte
oder weil ihm dieser für die meisten Passagiere
neue Anblick sattsam bekannt war und keinen
Reiz mehr für ihn bot.
Es war ein junger Mann von sechsundzwanzig
bis achtundzwanzig Jahren, zumindest hätte
man ihn auf den ersten Blick dafür gehalten, aber
bei eingehender Betrachtung schätzte man ihn
entweder jünger oder älter, so sehr mischten sich
in seinen unergründlichen Gesichtszügen jugendliche
Frische und Abgespanntheit. Sein dunkelblondes
Haar spielte in den Farbton hinüber, den
die Engländer auburn nennen, in der Sonne bekam
es einen kupferroten Schimmer, während es
im Schatten beinahe schwarz wirkte; sein ausgeprägtes
Profil war scharf geschnitten, die Wölbung
seiner Stirn hätte einen Phrenologen begeistert,
die Nase besaß eine leichte, vornehme
Krümmung, die Lippen waren fein gezeichnet
und die mächtige Rundung des Kinns erinnerte an
antike Münzen. Dennoch fügten sich all diese im
einzelnen schönen Züge zu keinem gefälligen
Ganzen. Es fehlte an jener geheimnisvollen Harmonie,
die den Konturen etwas von ihrer Schärfe
nimmt und sie ineinander übergehen läßt. Einer
Legende nach soll ein italienischer Maler, der den
rebellierenden Erzengel darstellen wollte, diesem
Züge von so ungleichartiger Schönheit ins Gesicht
gemalt haben, daß es größeren Schrecken
hervorrief als durch Hörner, gekrümmte Augen-
brauen und einen verzerrten Mund. Von ähnlicher
Wirkung war das Gesicht des Fremden. Vor allem
seine Augen waren außergewöhnlich: Die schwarzen
Wimpern, die sie einfaßten, paßten nicht
zur fahlgrauen Farbe der Pupillen und zum bisterbraunen
Ton des Haars. Der recht schmale Nasenrücken
ließ sie näher beieinanderliegen, als es
das Gesetz der Proportion erlaubt, und in ihrem
Ausdruck waren sie wahrhaft undurchschaubar.
Schweiften sie umher, spiegelte sich in dem feuchten
Schleier eine unbestimmte Melancholie, eine
sehnsuchtsvolle Neigung wider; und blieben sie an
einer Person oder an einem Gegenstand hängen,
zogen sich die Brauen zusammen, näherten sich
einander und schnitten eine senkrechte Falte in
die Stirn: Die grauen Pupillen färbten sich grün,
wurden von schwarzen Flecken getigert, von feinen
gelben Fasern durchzogen. Ein scharfer, beinahe
kränkender Blick schoß aus ihnen hervor,
dann kehrten sie zu ihrer ursprünglichen Sanftmut
zurück, und die Gestalt mit dem mephistophelischen
Einschlag wurde wieder zu einem jungen
Mann von Welt – einem Mitglied des Jockey-
Clubs etwa –, der die Saison in Neapel verbringen
würde und froh war, bald den Fuß auf ein Pflaster
aus Lavagestein zu setzen, das weniger schwankte
als das Deck des Dampfers Léopold.
Er war elegant gekleidet, ohne daß irgendein
Detail ins Auge gefallen wäre: Seine Kleidung
bestand aus einem dunkelblauen Gehrock, einer
gepunkteten schwarzen Krawatte, die weder besonders
auffällig noch besonders nachlässig geknotet
war, einer Weste im selben Muster und einer
hellgrauen Hose, die über feine Schaftstiefel
fiel. Die Kette seiner Taschenuhr war ganz aus reinem
Gold, und sein Kneifer hing an einem glatten
Seidenband; in der vornehm behandschuhten
Hand hielt er einen kleinen Spazierstock aus gewundenem
Wurzelholz, der am Ende mit einem
silbernen Wappenschild beschlagen war.
Er ging ein paar Schritte über Deck und ließ
seinen Blick zum nahenden Ufer schweifen, wo
Kutschen unterwegs waren, wo es von Menschen
wimmelte und Müßiggänger in kleinen
Gruppen herumstanden, für die die Ankunft
einer Postkutsche oder eines Dampfschiffs ein
stets interessantes, stets neues Schauspiel bot,
auch wenn sie es schon tausendmal gesehen
hatten.
Vom Kai stieß ein Geschwader kleinerer
Boote und Schaluppen ab mit einer Besatzung
von Laufburschen, Dienstboten, Facchini und
allerlei anderer Gauner, die üblicherweise alle
Fremden als Beute betrachteten und sich nun anschickten,
die Léopold zu entern; auf jedem Kahn
legte man sich in die Riemen, um als erster anzukommen,
und die Besatzungen fluchten und zeterten,
wie es Brauch war, so daß alle gehörig
erschraken, die mit den Sitten der niederen
Schichten Neapels nicht vertraut waren.
Um die Einzelheiten des Panoramas besser
zu erfassen, das sich seinem Blick darbot, hatte
der junge Mann mit dem auburnfarbenen Haar
seinen Kneifer auf die Nase gesetzt, doch seine
Aufmerksamkeit wurde durch das Kreischkonzert,
das sich aus der kleinen Flotte erhob, vom
erhabenen Anblick der Bucht abgelenkt und auf
die Boote gerichtet; zweifellos störte ihn der
Lärm, denn seine Augenbrauen zogen sich zusammen,
seine Stirnfalte wurde tiefer, und das
Grau seiner Pupillen schlug ins Gelbliche um.
Plötzlich rollte vom offenen Meer von einer
Schaumkrone gesäumt eine Welle heran, schob
sich unter das Dampfschiff, hob es an und ließ es
schwer zurückfallen, zerstäubte an der Kaimauer
in Millionen Pailletten, durchnäßte die von der
plötzlichen Dusche überraschten Spaziergänger
und ließ durch die Gewalt der Brandung die
Boote so heftig aneinanderstoßen, daß drei oder
vier Facchini ins Wasser fielen. Es war kein
schlimmer Unfall, denn die Burschen konnten
alle schwimmen wie Fische oder Meeresgötter,
und als sie einige Sekunden später wieder auftauchten,
klebte das Haar an ihren Schläfen, sie
prusteten Salzwasser aus Mund und Nase und
wunderten sich bestimmt über diesen Kopfsprung,
der an den des Telemach, Odysseus’
Sohn, erinnerte, als Minerva in Gestalt des Weisen
Mentor ihn vom Felsen ins Meer hinabstieß,
um ihn den Armen der Eucharis zu entreißen.
Hinter dem sonderbaren Reisenden hielt sich
ein kleiner Groom neben einem Berg von Koffern
in respektvollem Abstand bereit, eine Art Greis
von fünfzehn Jahren, ein livrierter Gnom, der jenen
Zwergen ähnelte, welche die Chinesen mit
großer Geduld in Porzellanvasen aufziehen, um
ihr Wachstum zu bremsen; sein flaches Gesicht,
aus dem die Nase kaum hervortrat, schien bereits
in der Kindheit zusammengedrückt worden zu
sein, und in seinen Glupschaugen lag jene Sanftmut,
die manche Naturforscher im Blick von Kröten
festgestellt haben. Kein Buckel rundete seine
Schultern oder wölbte seine Brust, und obwohl er
den Eindruck eines Buckligen erweckte, suchte
man vergeblich nach seinem Höcker. Kurz, er war
ein vorzeigbarer Groom, der sich ohne weiteres
bei den Rennen in Ascot oder Chantilly hätte zeigen
können; so häßlich, wie er aussah, hätte ihn
jeder Gentleman rider genommen. Er gefiel nicht,
aber an seiner Art gab es, wie bei seinem Herrn,
nichts auszusetzen.
Man ging an Land. Nach einigen mehr als
homerischen Flüchen teilten sich die Träger die
Fremden und das Gepäck und schlugen den Weg
zu den verschiedenen Hotels ein, mit denen
Neapel reichlich gesegnet ist.
Der Reisende mit dem Kneifer und sein
Groom begaben sich ins Hotel di Roma, gefolgt
von einer Phalanx stämmiger Facchini, die in der
einfältigen Hoffnung auf ein höheres Trinkgeld
so taten, als schwitzten und keuchten sie unter
der Last einer Hutschachtel oder einer leichten
Kiste, während vier oder fünf ihrer Kameraden,
mit Muskeln bepackt, die vor Kraft strotzten wie
die des Herkules, den man im Studj-Museum bewundern
kann, einen Handkarren schoben, der
zwei Koffer von bescheidener Größe und mäßigem
Gewicht durchrüttelte.
Als man im Hotel angekommen war, und
der Padrone di casa dem Neuankömmling die
Räumlichkeiten bezeichnet hatte, die er beziehen
sollte, begannen die Träger, obwohl sie bereits
ungefähr das Dreifache des üblichen Preises erhalten
hatten, wild zu gestikulieren und hoben
zu Reden an, bei denen sich flehentliches Betteln
und Drohungen in einem äußerst komischen
Verhältnis mischten; alle redeten durcheinander,
und das mit einer ungeheuren Zungenfertigkeit,
sie forderten eine höhere Entlohnung und schworen
Stein und Bein, daß sie für ihre Mühe nicht
ausreichend belohnt worden seien. – Paddy, der
es allein mit ihnen aufnehmen mußte, da sein
Herr bereits die Treppe erklommen hatte, ohne
sich um den Tumult zu kümmern, glich einem
Affen, den eine Meute Doggen umringte: Um
diesen tosenden Sturm zu beschwichtigen, versuchte
er es mit einer kleinen Rede in seiner
Muttersprache, also auf englisch. Der Predigt
war kein Erfolg vergönnt. Darauf ballte er die
Fäuste, hielt die Arme vor seine Brust, und unter
dem schallenden Gelächter der Facchini pflanzte
er sich auf wie ein echter Boxer; dann streckte
er den Riesen der Bande mit einer rechten Geraden
in die Magengrube nieder, einem Schlag,
der eines Adams oder Tom Cribbs würdig gewesen
wäre, und schickte ihn auf das Lavapflaster.
Diese Großtat schlug die Schar in die
Flucht; benommen von seinem Sturz, erhob sich
der Riese schwerfällig und wagte nicht, es Paddy
heimzuzahlen, sondern trollte sich, wobei er sich
unter starken Verrenkungen über die bläulich angelaufene
Stelle rieb, die auf seiner Haut zu schillern
begann, denn er war überzeugt, ein Dämon
müsse im Jackett des Makaken gesteckt haben,
der eher für eine Zirkusnummer auf dem Rücken
eines Hundes geschaffen schien und von dem er
gedacht hätte, er könne ihn mit einem Hauch
umpusten.
Der Fremde ließ den Padrone di casa rufen
und fragte ihn, ob nicht ein Brief für Monsieur
Paul d’Aspremont im Hotel di Roma hinterlegt
worden sei; und tatsächlich wartete ein Brief mit
dieser Aufschrift seit einer Woche im Postfach,
antwortete der Hotelier und ging ihn schnell
holen.
Der Brief, der in einem dicken Umschlag aus
tiefblauem und fein geripptem cream-lead Papier
steckte, versiegelt mit einem Siegel aus glimmerigem
Wachs, zeigte jene Schrift, die zu kantigen
Grundstrichen und kurrenten Aufstrichen neigte
und auf eine hohe aristokratische Erziehung verwies,
ein Schriftbild, das vor allem, und vielleicht
ein wenig zu einheitlich, junge Engländerinnen
aus guter Familie besaßen.
Hier der Inhalt des Briefes, den Monsieur
d’Aspremont mit einer Hast öffnete, die ihren
Grund wohl nicht nur in reiner Neugier hatte:
Lieber Monsieur Paul,
wir sind vor zwei Monaten in Neapel angekommen.
Während der Reise, die wir in kleinen
Etappen zurücklegten, hat sich mein Onkel bitterlich
beklagt über die Hitze, die Stechmücken, den
Wein, die Butter, die Betten; er fluchte, man müsse
schlechterdings verrückt sein, um ein behagliches
Cottage einige Meilen vor London aufzugeben und
über staubige Landstraßen zu fahren, an denen abscheuliche
Herbergen liegen, in denen man keinen
rechtschaffenen englischen Hund übernachten lassen
möchte; bei allem Murren blieb er doch an meiner
Seite, und ich hätte ihn ans Ende der Welt
schaffen können; es geht ihm nicht schlechter, und
mir geht es besser. – Wir wohnen direkt am Meer in
einem weiß gekalkten Haus, das in einer Art Urwald
aus Orangen- und Zitronenbäumen, Myrten,
Oleander und anderen exotischen Sträuchern verborgen
liegt. – Von der Terrasse haben wir eine
wunderbare Aussicht, und abends werden Sie dort
immer eine Tasse Tee oder eine Eislimonade serviert
bekommen. Meinen Onkel, den Sie, ich weiß nicht
wie, ganz für sich eingenommen haben, wäre entzückt
über Ihren Besuch. Muß ich noch hinzufügen,
daß auch Ihre ergebene Dienerin über Ihr
Kommen ganz und gar nicht böse wäre, obwohl Sie
ihr beim Abschied auf der Mole von Folkestone mit
Ihrem Ring in den Finger geschnitten haben?
Alicia W.
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