Lev Tolstoj
Familienglück

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg

ERSTER TEIL


I

Wir trugen Trauer um die Mutter, die im Herbst gestorben war, und verbrachten den ganzen Winter allein auf dem Land, Katja, Sonja und ich. Katja ist eine alte Freundin des Hauses, die Gouvernante, die uns alle aufgezogen hat und die ich kenne und liebe, solange ich mich entsinnen kann. Sonja ist meine jüngere Schwester. Wir verbrachten einen düsteren, traurigen Winter in unserem alten Haus in Pokrovskoe. Es war kalt und windig, so daß sich die Schneewehen höher als die Fenster auftürmten; die Scheiben waren fast immer zugefroren und trübe, und wir gingen fast den ganzen Winter hindurch nicht aus und fuhren auch nirgends hin. Selten einmal kam jemand zu Besuch; doch selbst wenn jemand kam, wurde es nicht heiterer und froher in unserem Haus. Alle hatten traurige Gesichter, alle sprachen leise, als fürchteten sie, jemanden zu wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten häufig, wenn sie mich und besonders die kleine Sonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause schien man den Tod noch zu spüren; die Trauer und der Schrecken des Todes lagen in der Luft. Mamas Zimmer war verschlossen, und wenn ich beim Zubettgehen daran vorbeikam, schauderte mich, und etwas zog mich, einen Blick in dieses kalte, leere Zimmer zu werfen. Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte in dem Jahr, als sie starb, in die Stadt übersiedeln wollen, um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust der Mutter war ein heftiger Schmerz für mich, doch ich muß zugeben, daß sich bei allem Schmerz auch das Gefühl regte, daß ich jung und schön war, wie mir alle sagten, und nun schon den zweiten Winter unnütz in der Abgeschiedenheit auf dem Lande totschlug. Gegen Ende des Winters hatte dieses Gefühl von Melancholie, Einsamkeit und schierer Langeweile solche Ausmaße angenommen, daß ich mein Zimmer nicht mehr verließ, das Klavier nicht mehr öffnete und kein Buch mehr zur Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, mich mit diesem oder jenem zu beschäftigen, gab ich immer zur Antwort: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht«, aber in meiner Seele sprach es: »Warum? Warum etwas tun, wenn meine beste Zeit so sinnlos vergeht? Warum?« Auf dieses »Warum?« gab es keine andere Antwort als Tränen. Man sagte mir, ich sei in der Zeit magerer und unansehnlicher geworden, doch nicht einmal das interessierte mich. Warum? Für wen? Mir schien, mein ganzes Leben würde so vergehen, in diesem abgelegenen Krähwinkel, in dieser hilflosen Melancholie, aus der ich selbst allein weder die Kraft noch das Verlangen hatte auszubrechen. Gegen Ende des Winters begann Katja, sich Sorgen um mich zu machen, und entschied, mich unter allen Umständen ins Ausland zu bringen. Doch dafür benötigte man Geld, und wir wußten kaum, was uns nach dem Tod der Mutter geblieben war, mit jedem Tag erwarteten wir den Vormund, der kommen und unsere Angelegenheiten ordnen sollte.
Der Vormund kam im März.
»Nun, Gott sei Dank!« sagte Katja eines Tages, als ich wie ein Schatten, müßig, geistesabwesend und wunschlos, von einer Ecke in die andere wanderte, »Sergej Michajlytsch ist eingetroffen, er läßt sich nach uns erkundigen und will zum Mittagessen hiersein. Nimm dich zusammen, meine kleine Mascha«, setzte sie hinzu.
»Was soll er denn von dir denken? Er hat euch alle immer so geliebt.«
Sergej Michajlytsch war unser nächster Nachbar, ein Freund unseres verstorbenen Vaters, wenn auch bedeutend jünger als dieser. Nicht nur, daß seine Ankunft unsere Pläne änderte und uns die Möglichkeit gab, das Dorf zu verlassen – ich war seit meiner Kindheit gewohnt, ihn zu achten und zu lieben, und Katja gab mir den Rat, mich zusammenzunehmen, weil sie ahnte, daß Sergej Michajlytsch von allen Menschen derjenige war, vor dem ich mich am allerwenigsten in einem unvorteilhaften Licht zu zeigen wünschte. Abgesehen davon, daß ich ihm aus alter Gewohnheit sehr zugetan war, ebenso wie jeder andere im Haus, angefangen von Katja und seinem Patenkind Sonja bis zum letzten Kutscher, hatte er für mich eine besondere Bedeutung wegen einer Bemerkung, die meine Mama mir gegenüber einmal gemacht hatte. Sie hatte gesagt, einen solchen Ehemann würde sie sich für mich wünschen. Das erschien mir damals verwunderlich und sogar unangenehm; mein Held sah ganz anders aus. Mein Held war zart, schmächtig, blaß und traurig. Sergej Michajlytsch hingegen war nicht mehr jung, hochgewachsen, robust und – so kam es mir vor – stets fröhlich; doch dessenungeachtet hatten Mamas Worte sich mir eingeprägt, und noch vor sechs Jahren, als ich elf Jahre alt war und er mich mit du ansprach, mit mir spielte und mich Veilchenmädchen nannte, fragte ich mich zuweilen beklommen, was ich tun würde, wenn er mich unversehens würde heiraten wollen.
Vor dem Mittagessen, das Katja mit Crèmetörtchen und einer Spinatsauce bereicherte, traf Sergej Michajlytsch ein. Durchs Fenster sah ich, wie er sich dem Haus in einem kleinen Schlitten näherte, doch sobald er um die Ecke bog, eilte ich in den Salon und wollte so tun, als hätte ich ihn gar nicht erwartet. Als ich aber im Vorzimmer das Poltern seiner Füße, seine laute Stimme und Katjas Schritte vernahm, hielt ich es nicht mehr aus und ging ihm entgegen. Er hatte Katja an der Hand gefaßt, redete laut und lächelte. Bei meinem Anblick hielt er inne, und er sah mich eine Zeitlang an, ohne sich zu verbeugen. Ich wurde verlegen und spürte, daß ich errötete.
»Ach! Sind Sie es wirklich?« fragte er auf seine energische, einfache Art und Weise, wobei er die Arme ausbreitete und auf mich zukam. »Kann man sich so verändern? Wie groß Sie geworden sind! Sieh mal an, das Veilchen! Ein richtiger Rosenstock sind Sie geworden.«
Er umfaßte mit seiner großen Hand die meine und drückte sie so fest und aufrichtig, daß es beinahe schmerzte. Ich dachte, er würde mir die Hand küssen, und wollte mich schon zu ihm vorbeugen, doch er drückte mir noch einmal die Hand und sah mir mit seinem festen, fröhlichen Blick direkt in die Augen.