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Patrick Leigh Fermor Die Violinen von Saint-Jacques
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Nur wenig unterscheidet die Geschichte unseres Eilands von derjenigen anderer französischer Inseln über dem Winde; einzig an Bekanntheit steht es hinter jenen zurück. Die ursprünglichen Bewohner von Saint-Jacques waren Aruak-Indianer, gefolgt von den wilden Kariben, die in ihren Einbäumen an den Küsten der Inselkette landeten, die Männer der Aruak töteten und verspeisten und ohne viel Federlesens die Witwen zur Frau nahmen. Kolumbus entdeckte den Archipel auf seiner zweiten Reise und erhob Anspruch für die spanische Krone. Den karibischen Namen Twahleiba – die Schlange, hergeleitet von den gräßlichen trigonocephalus, den Lanzenottern, die in großer Zahl die Insel bevölkerten – ersetzten die Spanier durch jenen des Heiligen von Compostela, denn die Inbesitznahme fiel auf den Vorabend seines Fests. Santiago de los Vientos Alicios hieß die Insel auf jenen frühen Seekarten, der Heilige Jakob der Passatwinde. (Auf englisch Saint James of the Trade Winds, was ihm bei den englischen Flibustiers, die im siebzehnten Jahrhundert die Buchten der Nordküste unsicher machten, den Namen »Jack of All Trades« ein brachte, und in Shanties, die heute kaum mehr zu hören sind, »Tradey Jack«.)
Der Name erscheint nur selten auf den alten spanischen Seekarten, die in den Archiven von Sevilla verwahrt sind, und noch seltener auf französischen oder englischen Karten der Zeit. Ohne jede Absicht verschworen Kartograph und Historiker sich, die Existenz der Insel zu verschweigen. Pater Labat legte nie dort an, und der einzige unter den frommen Chronisten, der sie erwähnt, ist ein nicht weiter bekannter Franziskaner aus Treviso, Pater Hieronymus Zancarol. Der Gottesmann läßt sich in kuriosem Latein über den Reichtum der Insel an Zuckerrohr, Rum, Melasse und Indigo aus, hat aber über die Einwohner nicht viel Gutes zu sagen.
Insula Sancti Jacobi, schreibt er, tantis opibus, tanta copia, tantaque pulchritudine ornata, sicut angulus coeli ipsius videtur, sed, ob mores improbos pravosque incolarum, ob jactanciam, luxuriam et gastrimargiam et Gallorum et nigrorum, insula Sancti Jacobi pessima insularum aliarum omnium justius, immo verum, angulum Gehennae putanda est (Die Insel des heiligen Jakob, schreibt er, geschmückt mit so großen Schätzen, mit so großem Reichtum und mit so großer Schönheit, erscheint wie eine Ecke des Himmels selbst, aber wegen der lasterhaften und schlechten Sitten der Einwohner, wegen der Prahlerei, der Genußsucht und der Gefräßigkeit sowohl der Franzosen wie der Neger ist die Insel des heiligen Jakob mit größerem Recht als die schlechteste von allen anderen Inseln, ja als eine Ecke der Hölle anzusehen.); und das ist alles.
Die Spanier vernachlässigten die kleine Insel, und schließlich annektierte ein Chevalier namens Hippolyte-Hercule de Plessis aus einem illegitimen Zweig der Familie Richelieus sie für Frankreich. Plessis, nach dem die Hauptstadt ihren Namen erhielt, rottete die widerspenstigen Kariben aus, importierte die ersten afrikanischen Sklaven und warb und belehnte eine Schar mittelloser jüngerer Söhne der französischen Adelsfamilien aus Normandie, Bretagne, Gascogne und Vendée und kolonisierte mit ihnen die Insel; und auf seine bescheidene Art konnte es Saint-Jacques an Wohlstand bald mit Sainte-Domingue und Martinique aufnehmen. Im Siebenjährigen Krieg eroberte Rumbold mit seinen West Indian Light Fencibles die Insel, und bis zur Revolution wehte der Union Jack über dem hübschen – von Sir Probyn Scudamore im palladianschen Stil erbauten und von Gouverneur Braithwaite erweiterten – kleinen Gouverneurspalast der Hauptstadt, die unter den neuen Herren Jamestown hieß. Zur Zeit des Konvents wurden die Engländer verjagt. Im Jahr des Terrors errichtete man eine Guillotine auf der Place Hercule, doch als die Klinge niederging und der Kopf des ersten Royalisten in den Korb rollte, stießen die schweigend zusehenden Schwarzen wie aus einer einzigen Kehle einen Entsetzensschrei aus. Sie durchbrachen die Kette der Wachposten und rissen den Apparat in Stücke, und nie wieder sah Saint- Jacques eine Guillotine. (Das gleiche geschah auch auf Haiti.) Nach einer Zeit des Aufruhrs wurde unter dem Konsulat die Ordnung wiederhergestellt, und von da an folgte Saint- Jacques des Alisés dem beschaulichen Kurs der anderen französischen Antilleninseln...
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